Ein Todesfall bringt neben der Trauer viele organisatorische und rechtliche Fragen mit sich – besonders, wenn zum Nachlass eine Immobilie gehört. In Ulm kommen dabei einige Besonderheiten zusammen, die man andernorts so nicht findet: die Lage an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern, die denkmalgeschützte Altstadt und ein Immobilienmarkt, der von einer starken Unternehmerlandschaft geprägt ist. Dieser Ratgeber ordnet die Schritte der Nachlass-Abwicklung in Ulm ein.

Zuständigkeiten in Ulm: Wer bearbeitet den Nachlass?

Erste Anlaufstelle ist das Nachlassgericht am Amtsgericht Ulm. Es eröffnet Testamente, nimmt Erbausschlagungen entgegen und stellt bei Bedarf den Erbschein aus. Eine Ulmer Eigenheit: In Baden-Württemberg wurden Nachlasssachen bis zur Notariatsreform am 1. Januar 2018 von den staatlichen Notariaten bearbeitet – erst seither sind die Amtsgerichte zuständig. Auch das Grundbuchamt ist heute beim Amtsgericht Ulm angesiedelt. Beurkundungen (etwa eine Erbauseinandersetzung oder ein Immobilienverkauf) übernehmen seit der Reform freiberufliche Notarinnen und Notare.

Für Streitfälle rund ums Erbe ist das Landgericht Ulm zuständig, in zweiter Instanz das Oberlandesgericht Stuttgart. Leben Miterben dauerhaft im Ausland und gibt es keine deutsche Zuständigkeit vor Ort, kann für bestimmte Anträge das Amtsgericht Schöneberg in Berlin (§ 343 FamFG) einschlägig sein.

Besonderheit Doppelstadt: Ulm und Neu-Ulm über die Donau

Kaum eine andere Stadt macht die Bedeutung der Bundeslandgrenze so greifbar wie Ulm. Auf dem linken Donauufer liegt Ulm (Baden-Württemberg), auf dem rechten Neu-Ulm (Bayern). Viele Familien besitzen Immobilien auf beiden Seiten – und dann gilt für die Nachlass-Abwicklung nicht ein einheitliches Regelwerk:

  • Zwei Gerichte: Für ein Grundstück in Neu-Ulm ist das Amtsgericht Neu-Ulm zuständig (Landgericht Memmingen, OLG München), für die Ulmer Immobilie das Amtsgericht Ulm.
  • Zwei Grundbuchämter und getrennte Grundbuchberichtigungen.
  • Unterschiedliche Grunderwerbsteuer: In Baden-Württemberg beträgt der Steuersatz derzeit 5,0 %, in Bayern 3,5 %. Das ist bei einem Verkauf über die Erbengemeinschaft hinweg relevant.

Wer Immobilien in beiden Städten erbt, sollte diese doppelte Zuständigkeit früh mitdenken, um Verzögerungen zu vermeiden.

Geerbte Immobilie in Ulm: typische Konstellationen

Denkmalschutz im Fischerviertel und der Altstadt

Rund um das Münster – mit dem höchsten Kirchturm der Welt – und im malerischen Fischerviertel mit seinen Fachwerkhäusern, dem „Schiefen Haus“ und den Blau-Kanälen steht viel Bausubstanz unter Denkmalschutz. Bei geerbten Objekten heißt das: Umbauten, Sanierungen und teils sogar die energetische Ertüchtigung sind mit der Denkmalbehörde abzustimmen. Die engen Gassen erschweren zudem Anlieferung und Entrümpelung – ein Halteverbot für Container oder Umzugswagen muss oft vorab beantragt werden.

Wiederaufbau, Siedlungen und Ortsteile

Große Teile der Ulmer Altstadt wurden im Dezember 1944 zerstört; echter Vorkriegs-Altbau ist entsprechend rar. Viel Wohnraum stammt aus dem Wiederaufbau und den Siedlungen der Nachkriegszeit. In Stadtteilen wie Böfingen dominieren Eigentumswohnungen – hier spielen Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG), Hausgeld und offene Rücklagen für Erben eine Rolle. In den ländlicher geprägten Ortsteilen wie Einsingen, Ermingen, Lehr, Mähringen, Donaustetten oder Gögglingen finden sich dagegen Höfe und Scheunen, bei denen häufig noch alte Baustoffe (etwa Asbestzement in Dächern) fachgerecht entsorgt werden müssen.

Unternehmerstadt und internationale Erben

Ulm ist geprägt von einem starken Mittelstand – von Wieland-Werken über Iveco Magirus, Ratiopharm/Teva, Beurer und Uzin Utz bis zur Müller-Drogeriezentrale in Jungingen. Zum Nachlass gehören deshalb überdurchschnittlich oft Gewerbe- oder Betriebsimmobilien, die gesondert bewertet werden müssen. Die Universität Ulm, die Wissenschaftsstadt auf dem Eselsberg und das Uniklinikum ziehen zudem viele internationale Fach- und Führungskräfte an. Leben Miterben im Ausland, greift regelmäßig die EU-Erbrechtsverordnung; ein Europäisches Nachlasszeugnis (ENZ) kann die Abwicklung über Ländergrenzen hinweg erleichtern.

Schritt für Schritt: So gehen Erben in Ulm vor

  • Erbenstellung klären: Testament beim Nachlassgericht Ulm eröffnen lassen oder gesetzliche Erbfolge prüfen; ggf. Erbschein beantragen.
  • Fristen beachten: Die Ausschlagung einer Erbschaft ist grundsätzlich innerhalb von sechs Wochen möglich – wichtig bei ungeklärter Überschuldung.
  • Grundbuch berichtigen: Nach dem Erbfall wird die Erbengemeinschaft oder der Alleinerbe im Grundbuch eingetragen.
  • Immobilie bewerten und Weg festlegen: gemeinsam halten, vermieten, an einen Miterben übertragen oder verkaufen.
  • Haushaltsauflösung organisieren: Entrümpelung, Sperrmüll über die Entsorgungsbetriebe der Stadt Ulm (EBU) und ggf. Halteverbotszonen.

Gehört die Immobilie einer Erbengemeinschaft, ist die Auseinandersetzung im Grundsatz nur einvernehmlich möglich. Wird ein Objekt im Zuge der Erbteilung unter den Miterben aufgeteilt, ist dieser Vorgang nach § 3 Nr. 3 GrEStG von der Grunderwerbsteuer befreit. Eine Höfeordnung wie in einigen norddeutschen Ländern gibt es in Baden-Württemberg nicht – landwirtschaftliche Betriebe fallen in die reguläre BGB-Erbengemeinschaft.

Fazit

Die Nachlass-Abwicklung in Ulm folgt den bundesweiten Grundregeln, hat aber lokale Fallstricke: die Zuständigkeit über die Donau nach Bayern, Denkmalschutz im Fischerviertel, WEG-Themen in den Siedlungen und internationale Erben rund um die Universität. Wer früh die richtigen Stellen einbindet und die Besonderheiten der Doppelstadt kennt, spart Zeit und Nerven. Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Rechts- oder Steuerberatung; für Ihre konkrete Situation lohnt sich eine unverbindliche Erstberatung.

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Weiterführend: Nachlass-Abwicklung in Wolfsburg: Der praktische Leitfaden